Wahnbek. Eine Chronik über acht Jahrzehnte.

von Karl Ransleben

Ich beginne mal mit dem Jahr 1932, das ist genau das Jahr, in dem ich als sechsjähriges Bürschlein nach hier verschlagen wurde. Meine Eltern hatten hier inmitten eines stillgelegten Truppenübungsplatzes und abgeholzten Kiefernhaines ein Stück unkultivierten Brachlandes von 2000 Quadratmeter überaus preiswert erworben um hier zu siedeln,wie sie es nannten. Wohlgemerkt, es war kein erschlossenes Bauland im heutigen Sinne, sondern reine Wildnis. Sandiges Heideland. Gottseidank befand sich an der Südgrenze eine sogenannte Wallheck, wie sie die Bauern in rauer Vorzeit als Windschutz für ihre Felder angelegt hatten. Diese mit Bäumen und Sträucher bestandenen Windschutzwälle gibt es auch heute noch sehr zahlreich im Ammerland und im oldenburgischen. Auf der anderen Seite dieses unseren Walles befand sich Hilbers Kamp. Ein Großgrund-Besitzer aus Etzhorn, der dieses Stück Land im Drei-felder-Wirtschaftstakt bearbeiten ließ. Nach Westen hin war eigentlich noch nichts. Mein Vater mußte sich hier erstmal einen Trampelpfad bahnen um mit Fahrrad und Schubkarre zur sogenannten Knupperstraße zu gelangen. Dieser Weg wurde nach und nach von der Gemeinde Rastede später befahrbar gemacht und verbandt die schon erwähnte Knupperstraße mit der weiter südlich verlaufenden Sandbergstraße. Knupperstraße und Sandbergstraße verlaufen ziemlich parallel und verbinden die östlich von uns gesehene Butjadinger Straße mit der westlich von uns verlaufenden Wilhelmshavener Heerstraße.Die grad genannte war mit Blaubasalt und die Butjadinger mit Klinker hochkant gepflastert.

Auf den Straßen der damaligen Zeit verkehrten noch sehr viel eisenbereifte Pferdefuhrwerke, die in der Mitte der Fahrbahn einen widerlichen sogenannten Schweinerücken erzeugten. Die Wilhelmhavener Heerstr. war eine Reichsstraße mit der Nr. 69 und wurde schon mal öfter einigermaßen für den aufkommenden Autoverkehr in Schuß gehalten. Die Butjadinger nicht. Sie gehörte dem Land Oldenburg und später Niedersachsen bez. Weser-Ems. Jeder auch noch so miese Verkehrsweg war aber sehr wohl mit einem nebenher laufenden Radfahrweg ausgestattet, ohne den es gar nicht ging.

Als mein Vater 1932 begann, seine Burg in architektonischer Unwissenheit auf seinem Grund und Boden zu errichten, wohnten wir noch in Ofenerdiek, wo ich auch zur Schule kam. Zur Volksschule versteht sich. Ich war just eingeschult, da hieß es "umziehen!"

Weihnachten feierten wir noch in Ofenerdiek und im ach so kalten Februar 1933, die Nazis hatten gerade ihre sogenannte Macht ergriffen, zogen wir in das halbfertige aus Bimsplatten, Holz und Dachpappe zusammengebastelte Haus. Das Umzugsgut passte bequem auf einen alten Einspänner, der von einem halbverhungerten Zossen gezogen wurde. Viel Gewicht brauchte er nicht zu ziehen, denn wir waren arm wie die Kirchenmäuse. Was hatten wir denn schon? Ein Bett, Nachtschrank, Küchenschrank und Herd. Einen Tisch und ein Cheselong. Ein paar alte Stühle und ein Wäschekorb voll Gerümpel. Wie der Tansport, Mutter mit Kinderwagen (meine Schwester Anita konnte so weit noch nicht laufen) und ich durften neben her laufen, der Kinderwagen blieb manchmal im Mullsand stecken, dann musste ich kräftig mit schieben helfen. Endlich in Wahnbek angekommen und als entladen war, saßen alle Beteiligten in der zwar zementgeputzten, jedoch ungestrichenen Küche, an deren Wände noch das Eiswasser herablief und sangen "Was frag ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zufrieden bin?" Ich verstand mit meinen 7 Jahren den Galgenhumor noch nicht, aber so ein Gefühl wie „Selbstbeschiss“ beschlich mich doch schon. Jedenfalls kramte meine Mutter von irgendwo her den letzten Kanten Brot und den bekam der ausgehungerte Zossen, denn er hatte schließlich seinen Lohn verdient. Mit einem Schluck aus der immer und stets bereit gehaltenen Fuselflasche wurde der erste Tag im eigenen Nest abgeschlossen. Die noch ausstehenden Mietschulden hat mein Opa in Huchting (Mutters Vater) glaube ich beglichen. Mutter war von dort gebürtig und mein Vater war aus Minden in Westfalen. Seines Zeichens als Seemann in Bremen hängen geblieben, um seine Anni zu heiraten, die in voller Erwartung mir das Leben zu schenken gedachte. Das war 1925. Am 3.Jan.1926 kam ich zur Welt. Ebendar in Huchtig im Hause meiner Großeltern. Mein Vater war Dampfmaschinenspezialist und so steuerte er bei der Firma Dammermann in Oldenburg bis zur Rezession eine Dampfwalze zum Zwecke des Straßenbaues im ganzen norddeutschen Raum. Mit dabei war seine Frau Anni und der kleine Kalli, der bei den Transporten von Baustelle zu Baustelle am liebsten im Kohlenkasten auf der Maschine mitfuhr. Als ich dann zur Schule musste, machte man sich sesshaft und zwar in Ofenerdiek, weil hier schon Vaters Bruder (Onkel Hans mit seiner Familie)wohnte. Jetzt also lebten wir als Siedler in der Heide. Bei gutem Wetter und jede Armut außer Acht lassend war es hier fantastisch schön. Die Natur war hier noch so gut wie in Ordnung. In der Luft kreisten die Bussarde, Hasen und Kaninchen gab es in großer Zahl, Rebhühner und Fasanen liefen einem über den Weg. Im Sommer zirbsten die Heuschrecken in den Kornfeldern und schillernde Laufkäfer rannten über den Sand. Im Gebüsch wohnten Eidechsen und Ringelnattern und nachts konnte man hin und wieder die Eulen rufen hören. Für mich war diese Gegend das Paradies. Ich brauchte eigentlich nichts anderes mehr. Aber ich mußte ja zur Schule. Schon am ersten Tag stand ein Mädchen früh morgens vor der Tür, um mich ab zu holen, denn sie meinte es sicher gut, um mir den Weg dorthin zu zeigen. (dass Eltern die Kinder zur Schule begleiteten, war zu der Zeit nicht üblich). Gisela Hövelmeier hieß sie und wohnte an der Wilhelmshavener Heerstraße.

Die Schule lag ziemlich zentral im eigentlichen Dorf Wahnbek und war mit seinen zwei Klassen und zwei Lehrerwohnungen in einem Krüppelwalmdach gedeckten Klinkerbau untergebracht ungefähr 1 1/2 km von uns an der Knupperstraßenverlängerung über die Kreuzung Butjadinger Str. in Richtung Ipweger Bahnhof. Ja - einen Eisenbahnhaltepunkt hatten wir, und das war schließlich wichtig. Das war die Bahnstrecke Oldenburg - Brake und zurück. Man sprach auch von der Gummibahn, weil die Strecke durch Moor- und Marschwiesen über ziemlich weichen Grund führte. Wir haben die 8 km zur Stadt (Oldenburg) sehr oft und gerne benutzt, war sie doch die einzige öffentliche Verkehrsmöglichkeit, wenn man auch mal weiter nach Bremen oder Minden wollte. (in Minden wohnten meine Gegengroßeltern. Genannt Opa und Oma Minden).

Wahnbek hatte zu der damaligen Zeit so ungefähr zwei Ballungszentren. Das eine war die eigentliche Dorfmitte, die versammelte sich um die Kreuzung Butjadinger Straße - Knupperstraße (sie hieß deswegen so, weil sie mit Findlingen gepflastert war). Hier spielte sich das kommerzielle Leben ab. Es gab den Hesterkrug, eine Bank, den Bäcker Ackermann, Schneider Siekmann, Kaufmann Bruns, Gemischtwarenhändler Erich Hillje, Schuster Gebken und die Handwerksbetriebe Maler Hillje und Zimmerei Fröllje. Und weiter in Richtung Loy an der Butjadinger Straße auf der rechten Seite den Stellmacher Bunjes und den Schmied Klostermann. Dann aber war da irgendwo die Grenze zu Ipwege, das irgendwie auch mit zur Bauernschaft Wahnbek gehörte, aber immer lieber als selbstständige Liegenschaft genannt werden mochte.

Das zweite sogenannte Ballungszentrum siedelte sich an der Wilhelmshavener Heerstraße zwischen der Unterquerung der Wahnbäke im Süden und der Einmündung des Brombeerweges im Norden an. Die Wahnbäke wurde von der einheimischen Bevölkerung "Klunnerbeeke" genannt. Warum, weiß kein Mensch zu deuten. Sie entsprang irgendwo auf einer Weide in Neusüdende, führte sauberes Wasser und es lebten zahlreiche Stichlinge in ihr, die wir Kinder gerne zu fangen gedachten, um diese in einem Einmachglas nach Hause zu tragen, wo sie dann nur noch wegen Sauerstoffmangel bis zum nächsten Tag das Zeitige segnen durften. Die Klunnerbeeke hatte es uns Kinder besonders angetan. Wir planschten gerne in ihr und krochen durch die Unterdohlung der Butjadinger Straße und durch den langen Tunnel unterm Bahndamm.

Zurück zum Ballungszenter. In Richtung Rastede gesehen gab es auf der linken Seite ein paar Häusler wie zunächst im Süden in einem ganz alten Rietdachhaus eine Familie Bruns. Dann bis zur Kreuzung Sandberstraße nochmal Bruns, Küpker und Helms. Zwischen Sandbergstraße und Nordgrenze die Bauern Harms, Schwarting und Maier. Gegenüber Maier auf der anderen Seite Bauer Rowold, dann mit Abstand an der Einmündung Knupperstraße Zimmermann Maier und dem gegenüber Maurermeister Fritz Oltmanns, dann Lemkemaier, Klaussen, Schneider Ackermann, Hövelmeier und an der Einmündug Sandbergstraße Spinneker und Brandis. Die Knupperstraße wurde ab Einmündung Wilhelmshavener Heerstraße nach und nach mit Einfamilienhäusern bebaut, aber vorläufig stand nur erst das Heuerhaus Willms/Buchholz auf der linken Seite Richtung Hauptdorf gesehen. Unser Haus stand als Einsiedler zunächst weit ab jeder bevorzugten Verkehrsader, wie auch der an dem heutigen Brombeerweg wohnende Jan Helms und die Familie Holländer als letzten Vorposten zu Neusüdende. Holländers waren ob ihrer vielen Kinder noch ärmer als wir. Die Wahnbäke floss durch eine feuchte Niederung, den man den Fischerteich nannte. Hier existierten ein paar Bauernhöfe, die von der Sandbergstraße über den heute sogenannten Hohlweg zu erreichen waren. Wieker, Bremer, Janßen, Blohm und Klockgether. Am weiteren Verlauf der Niederung hatten sich der Großgrundbesitzer Hans Hermann Hullmann und Richard Harms niedergelassen. Sie hatten sich sogar als Zufahrt zu ihren Höfen eine Klinkerstraße anlegen lassen. Sie ist noch heute im Betrieb.

Hinter dem schon besprochenen Ipweger Bahnhof (wie der Haltepunkt genannt wurde) endete die Straße in zwei Richtungen abschüssig als Wellenstraße und Geestrandstraße im Moor. Die Wellenstraße endete im Moor aber die andere verlief weiter durch die Ortschaft "Ipweger Moor" bis in die Wesermarsch.

Meine Ein- bzw. Umschulung in die Wahnbeker Volksschule fiel genau mit der blöden Machtergreifung einer neuen Regierungsform zusammen. Ich hatte mich just auf der untersten Bank in der Unterklasse zurecht gefunden, da wurden auch schon die Lehrer ausgetauscht. In der Oberklasse lehrte jetzt Herr Oberlehrer Hermann Ostermann und wir in der Unterklasse mussten uns mit dem Wurzelgnom Georg Wolff auseinander setzen. Wolff war eingefleischter Nazi. Er bekleidete so nebenbei auch noch so was wie den Ortsgruppenleiter der NSDAP. Manchmal kam er nämlich mit dieser gelblich braunen Uniform zum Schuldienst. Auf mich hatte er einen besonderen Piek. Wahrscheinlich hatte er schon irgendwie spitz gekriegt, dass meine Eltern, und besonders meine Mutter, der neuen Bewegung nicht gerade enthusiastisch gewogen waren. Er versuchte stets, mich gegenüber den anderen Mitschülern bloß zu stellen, wo ich sowieso genug zu tun hatte, um mich in die für mich neue Schulatmosphäre zu integrieren. Auf dem Schulhof wurde ausschließlich platt gesprochen und das war für mich zunächst eine Fremdsprache. Und da Kinder in solchen Dingen oft oder besser gesagt immer grausam sein können, wurde ich bis zum geht nicht mehr gemoppt, wie man heute zu sagen pflegt. Hinzu kam noch der fremdartige Name „Ransleben“, wer hieß denn hier schon so? Hier hatte man „Klockgether“, „Harms“ oder „zur Mühlen“ zu heißen. Das waren Namen, die hier her gehörten. Alles das schien dieser verdammte Wolff für sich aus zu nutzen. Der Höhepunkt seines unbegründeten Hasses gegen mich uferte aus, als er mir meine neue 60 Reichpfennig teure Schiefertafel am Kopf zerschmetterte. Aus Angst vor diesem Unhold bin ich anschließend 3 Tage nicht mehr zur Schule gegangen und das zum wiederholten Male infolge eines anderen, ähnlichen Vorkommnisses. Die Sache zog dann auch für den Gnom eine disziplinarische Verantwortungsvorstellung beim Schulrat nach sich. Denk ich mal. Leider musste ich aber doch auch noch wöchentlich bei ihm zu Hause einen Bezugsschein für ein 12 Pfund Schwarzbrot mit einem Kloß im Hals abholen. Drei Jahre musste ich die meinerseits unverschuldete Feindschaft mit diesem verdammten Untier durchstehen, dann wurde er gegen einen weit verträglicheren und auch fähigeren Lehrer ausgetauscht. Ich konnte dagegen ganz nebenbei auch perfekt platt und gehörte zum Koppel, wie man das so sagte. Der neue Lehrer hieß Otto Hashagen. Ein ganz hervorragender Pädagode und vor allem auch Mensch. Er musste zwar auch wohl diese braune sogenannte „Politische Leiter Uniform“ tragen, wuchs aber nicht über diese hinaus. Brauchte er auch nicht, er war groß genug. Schulisch habe ich alles nachholen können, was ich bei dem blöden Wolff versäumt hatte.

Zwischendurch so mit 8 Jahren bekam ich dann auch mein erstes Fahrrad. Ein uraltes Ding ohne Rücktrittbremse für 5 RM. Der Händler Reil aus Nadorst brachte es persönlich nach Wahnbek und nun brauchte ich auch nicht mehr zu Fuß zur Schule. Ich war mobil. Welch ein Glück. Ich konnte jetzt meine Tante in Sandkrug und später in Bloherfelde besuchen oder auch zum langsam in Schwung kommenden Flugplatz auf dem Alexanderfeld strampeln. Manchen Sturz musste der alte Drahtesel mit mir erleben, aber er hielt den robusten Umgang mit mir einige Jahre durch, bis ich die ausrangierten Tretmobile von meinem Vater übernehmen konnte.

Nach vier Jahren wurde ich dann in die Oberklasse versetzt. Zum Hauptlehrer Hermann Ostermann. Dieser Mensch war an schulischem Wissen und pädagogischem Können mit nichts zu vergleichen. So schien es jedenfalls für uns. Hatten wir ja alle mehr oder weniger unter dem verrückten Wolff zu leiden gehabt. Unsern Lehrer Ostermann haben wir alle sehr gemocht und sind ehrfurchtsvoll mit ihm umgegangen, so – wie er es mit uns auch tat. Aus späterer Erfahrung muss ich an dieser Stelle anführen, dass ich bei Ostermann mindestens, wenn nicht noch mehr, mitbekommen habe als viele andere in mehrklassigen Grundschulen. Kurz vor meiner Entlassung im Februar 1940 starb er. Im April 1940 ging ich mit großem Erfolg zusammen mit Karl Heinz Dietrichs, Günter Wiemken, Walter Harms und Gerd Martens von der Schule ab, um uns im weiteren Leben zu brauchbarem Kanonenfutter zu entwickeln. Mittlerweile hatte nämlich der größte Feldherr aller Zeiten seinen Eroberungskrieg entfacht, an dem wir ja vorerst mal glaubten. Mich hatte es schon mehr der dickbäuchige Paladin Hermann Göring angetan, der als seines Zeichens Reichs-Luftfahrt-Minister lauthals uns deutsche als ein "Volk der Flieger" propagieren wollte. So war es eben. Mit uns Jugendlichen konnte man es ja bequem machen. Bis zur Schulentlassung waren wir im "Jungvolk der Hitlerjugend" organisiert und hatten schon zackig marschieren und stramm stehen gelernt und wie man sich voller Deckung im Gelände (das war ja in Wahnbek noch reichlich vorhanden) gegen den bösen Feind verhalten konnte. Noch in der Schule hatte uns unser Lehrer Hashagen im Werksunterricht den Bau von Flugmodellen bei- und auf den Geschmack gebracht. Modellbau war zu der Zeit vorgeschriebenes Unterrichtsfach. Bei der Berufsberatung auf dem Arbeitsamt in Oldenburg gab es für mich kein langes Überlegen, ich nahm das Angebot zur Fl.-Techn. Vorschule mit Freuden an und dampfte dann auch schon im April nach Leipzig ab. Mit von der Partie war Willi Bunjes aus dem Ipweger Moor.

Meine Freunde aus der Schulzeit musste ich jetzt zurück lassen. Das war einerseits schmerzlich, aber anderseits trieb mich auch die Neugierde hinaus in die Ferne. Mein bester Freund war neben Hinnerk Müller, Alfred Schledjewski und Karl Heinz Dietrichs. Er wohnte an der Wellenstraße mit seinen Eltern in einem für mich unheimlich großem Haus mit einem Dachboden auf dem wir ja soo gerne spielten. Unter all dem Gerümpel fanden wir auch ein altes "Doktorbuch" aus dem wir uns stiekum weiterbilden konnten. Karl Heinz seine Mama wusste das. Hat es aber stillschweigend geduldet. Hinnerk Müller war ein Jahrgang älter, aber wir machten gerne Streifzüge in für uns noch unerforschte Wald- und Feldstriche, wo Wilddiebe Fallen gestellt hatten. Alfred Schledjewski war ein Jahrgang jünger als ich. Ihn als Freund zu haben war bequem, denn er wohnte ziemlich in der Nähe. So auch Günter Ackermann und Willi Heitmann. Günter Ackermann war ein ausgebuffter Ausbund. Er war nur zufrieden, wenn er mal wieder was ausgefressen hatte. Willi Heitmann war wegen seines Wolfsrachens ein etwas behindertes Kind, aber sehr anhänglich und flink. Er kletterte wie ein Wiesel in die höchsten Bäume und untersuchte die Nester der Eichhörnchen, Eulen Elstern und Krähen.

Mit 14 Jahren ist man natürlich noch kein Mann, aber die Gedanken sind schon , wenn auch unkontrolliert, auf das andere Geschlecht, nämlich den Mädchen, ausgerichtet. Und so kommt es einem dann auch hin und wieder über, verstohlene Blicke dorthin zu richten, wo normalerweise noch keine Rede von ist. In der Schule waren wir so mit einem Mittelgang getrennt. Auf der einen Seite die Jungs und auf der anderen die Deerns. Ich saß im letzten Jahr ganz oben und direkt am Mittelgang und hatte ständig die beballte Schönheit der noch nicht ganz fertigen Weiblichkeit neben mir. Die da waren Leni Hillen, Elfriede Behrens, Herta Hagelmann, Liesbeth Ehlers, Alma Seien und Alwine Janßen. Eine perfekte Auswahl, aber man war ja noch schüchtern und verklemmt und so kam es zu keinerlei Annäherungsversuchen.

Im Dorf gab es, wie das wohl wo anders auch nicht anders ist, verschiedene Typen und Originale. Wie z.B. an der Wilhelmshavener Heerstraße der Bauer August Schwarting,ein ganz gewaltiger Mensch. Riesenhaft und grobschlachtig aber mit großem Herzen in seiner weiträumigen Brust. Sein polterndes Auftreten machte ihn bis über die Wahnbeker Grenzen hinaus bekannt. Bei Tanzveranstaltungen blies er auf der Trompete: "Eine Seefahrt die ist lustig" u.s.w. Er hatte zwei seiner eigenen Statur entsprechend schwere Pferde, mit denen er geschlagene Baumstämme aus den Wäldern schleppen oder mit besonders starken Acker- oder Transportwagen entsprechende Schwertransporte bewältigen konnte. Dann war da noch der alte Lemkemeier. Er schob mit seinem zum Bauchladen umfunktionierten Fahrrad von Ortschaft zu Ortschaft und von Haus zu Haus und bot den Leuten Garne, Nadeln, Kämme, Knöpfe, Gummibänder und sonst noch allerlei Kurzwaren an. Wenn er dann im Etmal wieder mal genug verkauft hatte, blieb er meistens im am Wege liegenden Tannenkrug hängen. Wenn das eingenommene Geld alle war und die Rübe voll, schob er seinen Laden kreuz und quer über die Wilhelmshavener Straße unter lautem Fluchen "Beloag´n un bedroag´n hebbt se mi!!!" nach Hause, wo ihm dann der verdiente Abendsegen empfing. Jan Helms vom einsamen Haus am Brombeerweg war auch so einer. Er stellte an verschiedenen Stellen, wo sich das Wild einen Durchschlupf gebahnt hatte, Drahtschlingen auf. Diese Wilddieberei wurde nie richtig entdeckt, erst nach seinem Tode kam diese Sauerei raus. Ich erlebte ihn als er bei Erich Hillje Teller kaufen wollte. Hillje zeigte ihn zunächst preiswerte flache Essteller. Jan Helms:" dat sünd kien Tellers, dat sünd wecke to´n seil´n - ut´n Fenster rut!" Er markierte den Beleidigten und hat keine gekauft. Auch tiefe nicht. Fiti Oltmanns war eigentlich auch ein auffallend groß - und beleibter Mensch. Er war Bauunternehmer und hatte schon ein Auto. Ein Opel P4. Mit diesem Gefährt kam er natürlich so in der Gegend weiter herum als mit dem Rad (wir sagten früher immer nur "Rad". Nicht Fahrrad) und es geisterten schon einige Gerüchte seines tun und lassens durch die Lande. Auch Dillerk (Dietrich) Bremer war ein ausgesprochenes Original. Er war etwas körperlich behindert und schob deswegen meistens sein Fahrrad, zumal es am Lenker mit zwei schweren Milchkannen behangen war. Er grüßte immer freundlich ohne nicht einen obzönen Schnack dabei zu vergessen. Weiterhin im Fischerteich lebte auch der Jäger Janßen, der alle Kinder immer mit Hühnerscheiße erschießen wollte. Dierk Blohm nicht zu vergessen. Seines Zeichens Ortsbauernvogt. Ihm oblag u.a. die Feststellung der vorhandenen Anzahl lebendiger Schweine in der gesamten Gemarkung. Er rief schon bevor er ein Grundstück betrat: "Ha ji swien?" So hatte er dann auch schnell den Spitznamen weg "Hajiswien".

Im Nachfolgenden Laufe der Jahre so bis 1936 nahm unser 2000 Quadratmeter-Grundstück Form und Nutzen an. Es wurde mit Macht und von Hand mit Spaten und Schaufel kultiviert unter Mithilfe meines Großvaters aus Huchting, der jetzt von seinem sozialdemokratischen Bürgermeisterposten von den Nazis suspendiert war und noch voll im Saft stand und sehr viel Zeit mitbrachte. Wir brauchten das Land sehr notwendig zur Selbstversorgung nicht nur für uns selbst, denn auch mußte ein Schwein im Stall versorgt werden. Auch Hühner und eine Gans liefen ständig ums Haus herum. Selbstverständlich stand auch eine Milchziege im Stall und draußen gabs eine Batterie Kaninchenställe. Voll belegt natürlich. Eine Katze sorgte für Mäusefreiheit. Meine Mutter hatte ihren Gemüsegarten immer vorbildlich im Schuß, wenn auch das Haus von innen den Vergleich mit heutigen Verhältnissen in keiner Weise stand- halten konnte. Die Fleischversorgung war mit der Kleinviehhaltung und der Schweinemast vollauf gut geregelt und auch der Gemüseanbau funktionierte mit Zufriedenheit. Mein Vater lobte immer die Kartoffeln. "Sie schmecken wie Kuchen!" Zur Vorratshaltung wurde auf dem eigenen Grund und Boden ein Erdkeller gebaut. Aus Plaggen und zusammengesuchten Materialien versteht sich. Dieses Gebäude halb unter und halb über der Erde bewährte sich für seinen Zweck hervorragend. In der darauffolgenden Kriegszeit wurde das Ding auch noch als Luftschutzbunker benutzt.

Mit der Eröffnung des Oldenburger Fliegerhorstes 1936 fing auch die Luft an über Wahnbek lebendig zu werden. Immer brummte es irgendwo von einem Doppeldecker und manchmal auch von dickeren Kaliber wie W 34 oder Ju 52. Wahnbek lag ziemlich just unter der Platzrunde für die Schüler, die das Landen und Starten üben mußten. Manchmal trainierten auch über unseren Gefilden jeweils zwei Doppeldecker den Kurvenkampf solange bis es über Grund nicht mehr weiter ging und gefährlich wurde. Bei soviel Flugbetrieb blieben dann auch Unfälle nicht aus. Abstürze. Ein Übungs-Jagdeinsitzer vom Typ Focke Wulf 56 Stößer trudelte etwa 40 Meter hinter unserer Wallhecke auf Hilbers Kamp, bohrte sich mit dem Motor in die junge Roggensaat und zerschellte. Ich stand in unmittelbarer Nähe dabei und bekam einen fürchterlichen Schreck. Über der Wahnbäke und sehr nahe an der Wilhelmshavener Heerstraße auf einem Acker , der dem Bauer Küpker von der Butjadinger Straße gehörte, übten zwei Doppeldecker vom Typ Gotha 145 den Verbandsflug und kamen sich dabei wohl zu nahe. Der hintere säbelte mit seinem Propeller den vor ihm fliegenden den Schwanz ab. Der schwanzlose ging sofort in den Sturzflug über und zerschellte am Boden, wobei beide Piloten ums Leben kamen und der andere rauschte mit propellerlosem Motor in Richtung Ofenerdiek, vertakelte sich auf einer Weide mit dem Fahrgestell im Stacheldraht und überschlug sich. 2 Tote. Ein andermal landete ein etwas größerer Heinkel - Anderthalbdecker in Loy not, versank mit den Rädern im Morast und überschlug sich. Das Flugzeug blieb heil und der überkopf hängende Pilot konnte sich unbeschädigt befreien. Als wir Jungs bei der Unglücksstelle erschienen, war die Rettungsaktion schon gelaufen. Trotz allen diesen negativen Vorkommnissen blieb ich mit meinem jungen Herzen bei der Fliegerei hängen, und das hat bis heute sich so durch Beruf und Faible in meine Seele eingepflanzt.

Bei Kriegsbeginn (den unseligem) 1939 wurde seitens der mobilgemachten Wehrmacht, Abteilung Luftwaffen-Baukompanie auf Dietrichs Esch am Geestrand ein Scheinflugplatz angelegt. Mit Hallen und herumstehenden Flugzeugattrappen aus Pappe und Dachlatten mit Randbefeuerung und alles. Wie dann die ersten englischen Flugzeuge am Himmel erschienen, hat man die Piloten bis hinunter laut lachen hören. Dafür hat man dann die einzigsten Bomben (wahrscheinlich im Notwurf) auf Hullmanns Großbauernhof als lieben Gruß aus Großbrittanien abgeworfen. Hans Hermann als Chef vom Ganzen, und er war noch nicht mal ein richtiger Nazi, mußte dabei sein Leben lassen.

1940 also wie gesagt verließ ich meine schöne Heimat für eine technische und soldatische Lehre erstmal 3 Jahre bei den mitteldeutschen Motorenwerken in Taucha bei Leipzig und dann als Soldat bei der ruhmreichen deutschen Luftwaffe auf den unglücklichen Fliegerhorsten und Unteroffiziersschulen die sich da nannten "Fliegertechnische Schule 1, 2 oder 3". Im Mai 1945 habe ich mich dann aus dem amerikanischen Gefangenenlager bei Remagen am Rhein 3 Tage nach der Kapitulation unter Lebensgefahr selbst entlassen, und kam 2 Monate später abgerissen und ausgemergelt zu Hause in Wahnbek an. Zu Fuß versteht sich. Froh´, mich nicht mehr von den idiotischen militärischen Vorgesetzen drangsalieren und beleidigen lassen zu müssen. Und froh' mit dem Leben davon gekommen zu sein.

Auch mein Vater war ein paar Tage vor mir aus Berlin heimgekehrt und nun hatte meine Mutter ihre ganze Familie wieder vollzählig am Tisch und sogar ein Brüderchen war noch dazugekommen. Wir mußten uns sehr schwer nach der Decke strecken, denn die Ernährungs und überhaupt die gesamte Wirtschaftslage lag ja wie man weiß, total am Boden. Im Vergleich zu den schwer mitgenommenen ausgebomten Städten, war unsere Gegend noch ganz gut davongekommen. In Wahnbek hatte sich so gut wie nichts geändert. Alles war wie beim alten. Die Heide war noch da. Die Straßen und Wege noch genau so schlecht wie ehemals. Hilbers Kamp mit der Molchkuhle in der Ecke und Hullmanns Busch auf der anderen Seite der Knupperstraße. Alles war noch heile Welt. Nur meine Schulkameraden waren noch nicht alle wieder zurück oder sie waren gefallen, wie so viele. Bis zur Währungsreform 1948 wurde jetzt auf Teufel komm raus Schwarzmarkt betrieben mit Schnaps brennen und mit allerhand Mangelwaren zu kompensieren. Wir hatten britisch/kanadische Besatzung mit denen wir so nach und nach ganz gut zurecht kamen. Sie konnten kanisterweise Benzin und Diesel liefern und Zigaretten, die damals hoch im Kurs standen und von uns bekamen sie den begehrten, aus Zuckerrüben gebrannten Alkohol. Aber Fahrradreifen und Textilien waren immer noch knapp. Fallschirmseide und alte Fahnentücher sowie Pferdedecken waren gefragt. Familien, die noch eine Nähmaschine hatten, waren gut dran. Meine Mutter hatte auch noch eine und so schneiderte sie so gut sie konnte für uns Hosen und Wämse. Um uns alle satt zu kriegen, hatten wir dann auch zeitweise zwei Schweine im Stall. Das Geld taugte nichts mehr. Ich verdiente als Autoschlosser bei der Besatzung 67 Pfennig die Stunde. Das kann sich heute kein Mensch mehr vorstellen und eine Zigarette kostete auf dem Schwarzmarkt bis zu 8 Reichsmark, je nach Marke.

Im Laufe des Jahres 1945 strömten einige Flüchtlinge aus dem Osten, die sich vor den herannahenden Russen in Sicherheit brachten aus bis nach hier in den sicheren Westen. Die mußten untergebracht werden und dafür errichtete die Gemeinde Rastede in der Heide und an unserm namenlosen Sandweg Behelfsheime, die wie Starenkästen aussahen. Den Leuten war damit aber erst mal geholfen. Ein Jahr später fingen die Osteuropäer an, alle Deutschen aus ihren von den Russen zugewiesenen Gebieten auszuweisen. Diese armen Menschen mußten auch untergebracht werden. Behelfsheime waren keine mehr vorhanden und so wurde die ganze Völkerwanderung bei den hiesigen Hausbesitzern und noch zur Verfügung stehenden Gehöften zwangseingewiesen. Der zu erwartende Unmut in der einheimischen Bevölkerung blieb natürlich, wenn auch hinter der vorgehaltenen Hand, nicht aus. Aber die Wogen glätteten sich schnell, als sich herausstellte, daß diese Leute sich dankbar zeigten und verträglich waren. Sie fügten sich schnell in die Dorfgemeinschaft ein und wirkten mit, das gesellschaftliche Leben in Wahnbek wieder in Schwung zu bringen. Und wie das los ging. Der längst totgeglaubte Sportverein wurde reaktiviert, ein Fußballclub wurde gegründet und sogar ein Gesangverein wurde auf die Beine gestellt. Meine Heide wurde mit Hilfe der britischen Besatzung vermittels schwerem Gerät zum Fußballplatz umkultiviert und schnell erhob sich darauf ein lebhafter Trainingsbetrieb. Freundschaftsspiele mit anderen Vereinen und auch mit dem etablierten britischen Club wurden mit Enthusiasmus ausgetragen. Im Hesterkrug residierte zu der Zeit Karl und Ella Imken. Ein richtiges Wirtsehepaar von altem Schrot und Korn. Jeden Samstag und auch schon mal Sonntags wurde das Tanzbein geschwungen und immer war eine Lifemusik vorhanden, die den Schwof zum Vergnügen machte. Beim karnevalistischen Maskenball 1947 waren über 600 Leute im Saal. In einem abschließbaren Clubraum des Lokals hielt Ella Imken schon mal ab und zu eine Privatsause ab. Dann lud sie die ganze oldenburgische Schwarzmarkt-Branche ein und sie kamen mit ihren Frauen und Bienen aus dem ganzen Stadt und und Land. Mich hat sie dazugeholt zum Musik machen. Es ging auf diesen Party's sehr sehr hoch her. Ich wurde als Musiker von den wohlhabenden Herren über und über mit Geldscheinen besteckt und viel waren die ja nicht Wert. Immerhin konnte ich vom Endlohn zwei Schachteln Lucky Strike erwerben. Aber Essen, Trinken und Spaß hatte ich natürlich umsonst.

Mit den Flüchtlingen und Vertriebenen bekamen wir natürlich einige neue Nachbarn. Man half sich gegenseitig und befreundete sich. Oft traf man sich bei uns in den engen, aber gemütlichen Wohnverhältnissen und es wurde musiziert und gesungen und die neuen Leute, die ja alle arme Schlucker waren (Die Russen und Polen hatten ihnen ja alles weggenommen) fühlten sich bei uns wegen der Aufgeschlossenenheit besonders wohl. Bruno Güttler und Lenchen z.B. oder Werner Kaps, der immer mit der Geige klassische Musik darbieten wollte. Oder Hans Kubina mit Rosa. Alle hatten sie ein schweres Schicksal hinter sich bringen müssen. Hinzu kamen auch noch meine neuen Freunde Karl Heinz Wellbrock und Hans von Häfen. Auch meine Schwester Anita brachte ihre Freundinnen Emma Müller und Erika Rosenstock mit, was wieder englische Besatzungssoldaten anzog. Die kamen nicht immer wegen der Mädchen, sondern oft schon, weil sie auch Familienanschluß im weiteren Sinne suchten. Sie haben sich vorbildlich und anständig benommen. Pat Malony hat noch lange nach seiner Entlassung aus England geschrieben.

Hurra! 1948 Währungsreform. Es gab neues Geld. Deutsche mark sprich D.Mark. endlich Geld, was Wert hatte. Zwar gab es erstmal für jeden Bundesbürger (So wurden wir jetzt genannt) DM 40.- auf die Hand, aber das wurde dann bei den nächsten Zahltagen sichtlich mehr, mdenn noch hatten wir ja alle Arbeit. Sehr schnell folgte danach aber das dicke Ende. Die englische Einheit REME, die rund 2000 Mann beschäftigte, verlegte ins Rheinland. Viele dort beschäftigte gingen mit. aber die meisten natürlich nicht, weil sie mit ihrer Heimat zu sehr verwurzelt waren. So wie ich auch. 1950 tauchte ich mit Gelegenheitsarbeiten und Stempelgeld in den Hafen der Ehe ein. Bis 1953 hielt ich das durch, dann entschloß ich mich schweren Herzens, meine schöne , aber armselige Heimat zu verlassen und auch ins Rheinland zu emigrieren, alldieweil zunächst wieder bei der REME in Mönchengladbach wieder in Arbeit und Brot zu kommen. Unterdessen hatten die Siegermächte den Westzonen erlaubt, eine eigene bundesrepublikanische Regierung zu bilden. Da die Ostkommunisten nicht mitmachen durften (Russen) blieb es bei den zunächst "Trizonesien" genannten Westzonen. Die Bundesrepublik wurde gegründet mit einem Kanzler Conrad Adenauer. Unter dem Wirtschaftsminister Ludwig Erhardt wurde die freie Marktwirtschaft eingeführt und es ging von da ab stetig aufwärts. Gott sei Dank konnte mit Hilfe des Marshallplanes mit vollen Segeln das Schiff vor dem völligen Untergang bewahrt und in fruchtbare Gewässer geführt werden. Der wirtschaftliche Aufstieg machte sich allseits bemerkbar.

Auch in Wahnbek wurde nach und nach einiges getan. Die Knupperstraße wurde endlich entknuppert und sauber asphaltiert und auch gleich in "Schulstraße" umbenannt. Allseits entstanden neue Einfamilienhäuser. Der ganze Strich zwischen der jetzigen Schulstraße und der Sandbergstraße (diese mußte noch lange auf die notwendige Asphaltierung warten) wurde zur Bebauung erschlossen und freigegeben. Viele neue Straßen entstanden: Elbe-,Ems-, Weser-, Jade-, Aller-, Lune-, u.s.w,-Straßen wurden angelegt und sogar unser alter Trampelpfad bekam eine richtige Kanalisation und Strom unterirdisch, wurde ordendlich befestigt mit Asphalt und bekam den Namen "Wapelstrasse". Wenn ich alljährlich mein Elternhaus besuchte, Erkannte ich die ganze Gegend nur noch schwer wieder. Von der Heide war überhaupt nichts mehr zu sehen und auch der zwischenzeitlich vorhandene Sportplatz war auch nicht mehr da. Es wurde gebaut und gebaut. Dann auch noch zu allem Überfluß einen gewaltigen Fernsehturm mitten hinein ins Wohngebiet. Die Leute unterm Turm bildeten sich ein, von der Strahlung krank zu werden, aber bis heute konnte man es nicht genau nachweisen.

Nach 35 Jahren kehrte ich infolge Verrentung als Spätheimkehrer und freiwillig wieder heim . "Hew dat Glück woll funnen, doch dat Heimweh bleew." Wie es so schön im Friesenlied heißt. Wir konnten just noch das letzte schöne Grundstück von Jan Gert Küpker hinterm alten Schießstand an der Allerstrasse erwischen erwischen. Unser Haus wurde 1988 fertig. Seit dieser Zeit wurde noch immer weiter die Landschaft bebaut und vornehmlich auch auf der gegenüberliegenden Seite der Knupper-Schulstrasse. Sogar ein Einkaufscenter mit riesigem Parkplatz hat sich zum Wohle der vielen jetzt hier ansässigen Familien etabliert. Nur Schade ist, daß der alte Ortskern um den Hesterkrug und der Kreuzung Schul-Butjadingerstr. wirtschaftlich gestorben ist. Das einzigste ist, was hier noch läuft ist die Apotheke und der Friseur. Die Ev. Kirche wird auch noch gebraucht und eine Arztpraxis läßt sich auch nicht vertreiben. Das neue Centrum kuschelt sich um den Supermarkt. Dort werden auch die Geldgeschäfte getätigt (bei LZO und Raiffeisen) und Proklamationen (Feiertage) abgehalten.

Man könnte aus der alten Zeit, die nicht immer gut und schön war, noch sehr viele Geschichten und Historien erwähnen, aber ich will es jetzt mal gut sein lassen. Der Leser möge mir verzeihen, wenn er vielleicht noch etwas für ihn wichtiges nicht im Text findet. Wir wollen zufrieden sein, dass es uns an nichts gebricht und unsere Heimat danken, dass sie ein Leben lang für uns da war und wir uns an sie erfreuen durften.



Karl Ransleben